Die nächste
Ringbahn kommt erst in sechs Minuten? Das wird knapp. Dann hätte ich mir den
Schnellschritt zur S-Bahn-Station sparen können. Nun laufe ich das Gleis auf
und ab, als könnte das die Bahn zur Eile antreiben. Endlich kommt sie,
Umsteigen am Ostkreuz. Vor dem Ostbahnhof schließlich ein außergewöhnlicher
Stopp – es scheint kein Gleis frei zu sein. Jetzt ist es besiegelt: Ich komme
zu spät. Wo habe ich noch mal die Telefonnummer? Ich krame in der Tasche, suche
im Handy und melde zerknirscht, dass ich ein paar Minuten später da sein werde.
Ein entspannter Arbeitsstart sieht anders aus. Dabei will ich heute rausfinden,
wie man Stress abbaut.
Dafür treffe
ich mich mit verschiedenen Leuten in Berlin, die sich mit so was auskennen.
9.40 UHR,
JOSETTI HÖFE, MITTE
Ein
freundlicher Raum mit Blick in den Innenhof. Auf dem Boden liegen ausgerollt
die Matten für das Autogene Training. Abgehetzt sinke ich in eins der gemütlichen,
weißen Sesselchen. Mir gegenüber ein sympatisches, offenes Gesicht, das
entspannter und zugleich lebensbejahender nicht sein könnte. Claudia Kunze ist
30, zertifizierte Stressmanagementtrainerin und Personal Coach. Sie bietet
Kurse für Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation (PMR), sowie
spezielle Stressmanagementkurse und Einzelcoachings an. „Zu mir kommen viele
Junge, die im Berufsleben stehen“, erzählt sie. „Manche haben mit Ende Zwanzig
schon ihren zweiten Burnout. Das kommt immer früher.“
Unter den
Kursteilnehmern sind der Marketingleiter und der Architekt genauso wie der
Student, die Sekretärin und die Fleischereifachverkäuferin. Ihr gemeinsamer
Nenner: Sie wollen etwas für sich tun und ins Gleichgewicht kommen. Sie klagen
über Stresssituationen, Schlafstörungen, Nervosität, Gedankenkreisen und
Tinnitus.
Wie man sich
fühlt, wenn der Körper streikt, hat die Trainerin vor ein paar Jahren selbst
erfahren. Sie hatte eine internationale Marketingposition mit 60-Stunden-Woche.
Doch dann bekam sie Krebs – und verabschiedete sich aus dem Stressjob. „Die
Ausbildung zur Stressmanagement-Trainerin habe ich zuerst nur für mich
gemacht,“ erinnert sie sich, „habe dann aber gemerkt, dass ich das gern
weitergeben möchte.“
Bei Autogenem
Training gehe es darum, sich in eine Tiefenentspannung zu versetzen, den Zugang
zum Unbewussten zu finden, auf Fantasiereisen zu gehen. Wer zu hibbelig ist,
sich 15 Minuten auf die Matte zu legen und abzuschalten, für den empfiehlt sie
erst mal PMT, das über Anspannen und Entspannen einzelner Muskeln funktioniert.
„Wenn wir die Muskeln entspannen, ist auch der Kopf entspannt.“ Die ersten
Erfolge erziele man hier sehr schnell. Auf lange Sicht allerdings sei Autogenes
Training effektiver und sogar praktikabler. Zwar dauere es zu Beginn noch rund
fünfzig Minuten, um in die Tiefenentspannung zu kommen, später nur noch drei
bis fünf Minuten.
Im
Stressbewältigungskurs geht es dann darum, mit persönlichen Stresssituationen
umgehen zu lernen. Dafür können Teilnehmer aus einem Potpourri an Möglichkeiten
wählen. Dazu zählen kognitive Strategien, durch die man die eigene Bewertung
der Dinge ändern lernt, positive Selbstinstruktion, die auf die Kraft der
Gedanken setzt, Desystematisation, die darauf zielt, den Alltag zu ändern oder
auch Zeitmanagement, Kommunikationstraining, Lebenszeitmanagement,
Zielformulierung und Genusstraining.
11.05 UHR,
WINSSTRASSE, PRENZLAUER BERG
„Es gibt
Leute, die trauen sich nicht, mir in die Augen zu schauen“, sagt Anna Rhoer-Stenker,
die seit zwei Jahren als Hypnotiseurin arbeitet. Erst einmal muss sie mit den
Klischees zu Hypnose und Trance aufräumen. Es gehe bei dieser Arbeit nicht um
das, was viele als Hypnose kennen. „Der Klient ist nicht weg, er ruht sich nur
aus und das Unterbewusstsein ist offen“, erklärt sie. Es gehe um eine leichte
bis mittlere Trance, wie auch beim Autogenen Training oder vielen anderen
Entspannungstechniken.
Und sie führt
an, dass wir uns – ohne es zu wissen – ganz oft in Trancezuständen befinden:
Etwa wenn wir auf der Autobahn fahren und uns wundern, dass wir schon da sind.
Mit dem Unterschied, dass der Hypnotiseur diesen Zustand gezielt einleiten und
wieder ausleiten kann. Dabei sollen die Klienten lernen, sich auch selbst in
Hypnose zu versetzen.
12.45 UHR,
TAYOME, FRIEDENAU
„Die Tai
Chi-Schüler, die zu mir kommen“, berichtet Claudia Friedel, „wollen lernen,
sich zu Entspannen und ihre Mitte zu finden.“ Die Kampfkunst ist Konzentration
ohne Anspannung. Und so ist auch das Entspannen ein Aspekt, den man übt, um Tai
Chi zu lernen. Sein ganzes Leben könne man damit zubringen, es zu lernen.
Trotzdem gäbe es auch schon am Anfang positive Erfahrungen, von denen man
profitieren könne.
Eine Frage,
die sich im Praktizieren stellt: „Bin ich ruhig und gelassen, wenn jemand mit
Druck auf mich zukommt?“ Denn es geht darum, weder mit Gegendruck noch mit
Ausweichen zu reagieren. „Wenn man das körperlich gelernt hat, kann man es auf
normale Alltagssituationen übertragen“, sagt Friedl. Doch das möchte sie jedem Einzelnen
überlassen.
14.20 UHR,
TELEFONGESPRÄCH
Seit einem
Jahr bietet Tim Daugs online die Neurostreams an, die auf dem Konzept der
Gehirnwellen basieren. Als Abonnent könnte man da den ganzen Tag
Gehirnwellenradio hören. Speziell zur Entspannung wird morgens „Unter der
Flowdusche“ und abends der „Wellnesswalk“ gesendet. Dabei geht es um
Soundteppiche, die ohne Rythmusinstrumente und Bass über Beats und mit
bestimmten Hertzzahlen funktionieren und die der Internetunternehmer selbst
programmiert hat. „Für eine Entspannung reicht es, wenn man sich 15 Minuten
wirklich Zeit nimmt, das Handy ausschaltet, Skype zumacht, den Kopfhörer
aufsetzt und die Augen schließt“, verspricht Tim Daugs. Die Stücke gibt es auch
im Download.
16.30 UHR,
SENEFELDER PLATZ, PRENZLAUER BERG
Im
Gesundheitszentrum Sonne und Mond erwartet mich Alexander Peters, Yogalehrer
und Heilpraktiker für Ayurveda in seinem Büro an einem schlichen Holztisch. Auf
meinem Platz liegt ein pinkfarbenes Plüschkissen. Ich setze mich auf den
Farbfleck und fühle mich schon ein klein wenig erleuchtet. Muss während des
Gesprächs immer zwischen dem freundlichen Gesicht mir gegenüber und der
indischen Gottheit an der Wand hin- und herschauen. „Stress gilt primär als
Krankheitsverursacher“, so der Leiter des Gesundheitszentrums. „Daher stellt
sich für jeden die Frage: Wie bewältige ich Stress?“
Yoga biete
durch Dehnung und Kräftigung körperliche Entspannung an, doch es sei wichtig,
im Laufe der Zeit weiterzugehen und zu fragen, woher der Stress komme. Häufig werde
er durch unsere eigene Haltung verursacht. „Für den einen ist eine Situation
stressreich, für den anderen die entspannteste Situation der Welt.“ Auf keinen
Fall dürfe man Yoga als eine Art Supergymnastik betrachten und das
Leistungsdenken, das uns tags bestimme, mit ins Yoga hineinnehmen.
AM ENDE DES
TAGES
Ich rase noch
zu weiteren Terminen bei anderen Stressexperten, die aus ihren Werkzeugkästen
außerdem Reiki, Qi Gong, Neurolinguistische Programmierung (NLP), Emotional
Freedom Technics (EFT), Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR),
Edelsteinenergiemassage und vieles mehr ziehen. Diese Auswahl überfordert mich
und ich bin nicht sicher, wohin ich jetzt mit dem ganzen Arbeitsstress?
Vielleicht
kann der Psychiater Mazda Adli, Oberarzt an der Charité und
Forschungsbereichsleiter für affektive Störungen, der sich intensiv mit dem
Thema Stress befasst, etwas raten? „Was generell hilft,“ sagt er, „ist die
gezielte Beschäftigung mit angenehmen Aktivitäten. Sei es Musik hören, ein Buch
lesen, Sport machen, Spazieren oder ins Theater gehen. Es ist gut, genau zu
wissen, was uns wirklich Erholung gibt.“ Erst auf der nächsten Ebene gehe es um
die spezifischen Entspannungsverfahren. „Der Angebotsdschungel ist leider oft
verwirrend, manches auch von zweifelhafter Wirksamkeit“, so Adli. „Und für die
seriösen Angebote gilt: Nicht alles hilft jedem.“ Doch die Suche danach und das
Ausprobieren mache Sinn. „Jeder sollte sich seiner idealen Erholungsform bewusst
sein, rechtzeitig bevor der Stress das Ruder übernimmt.“
Ich überlege:
Vielleicht Genusstraining bei einem guten Abendessen und dazu ein paar Takte
Gehirnwellenradio? Klingt ziemlich gut in meinen Ohren.
Quelle des Artikels: http://www.tagesspiegel.de
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