Trotz aller Fortschritte in der Therapie sind viele
Depressive nicht zu heilen. Denn ihr seelisches Leiden ist mehr als eine
moderne Volkskrankheit.
Nun tagen sie
wieder und verkünden die frohe Botschaft der Psychotherapie: Heilung ist
machbar! 8000 Ärzte und Therapeuten werden sich von heute an auf dem
Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und
Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin treffen, dem größten Kongress seiner Art in
Europa.
Depression
Kampf gegen die Depression Bild vergrößern
Pillen und Therapien
können nicht allen Depressiven helfen.
Seit Wochen
schon verschicken die DGPPN-Sprecher Pressemitteilungen mit Überschriften wie
"Depression: Wenn die Welt im Grau versinkt." Darin werden führende
Psychiater zitiert, die von der unterschätzten Volkskrankheit berichten und
plastisch die Symptome der Schwermut schildern.
Am Ende jeder
dieser Mitteilungen kommt dann unweigerlich das große Versprechen: Depressionen
seien heute dank der Fortschritte in Psychotherapie und Pharmakologie gut
behandelbar. So what? Auf zum Therapeuten!
Auf den
ersten Blick lässt sich gegen derartige Kampagnen gar nichts einwenden. Wenn
die Epidemiologen recht haben, leiden aktuell vier Millionen Menschen in
Deutschland an Depressionen. 12.000 Suizide jährlich - die hohe Dunkelziffer
nicht eingerechnet - künden davon, dass es hierbei um ein ernstes Problem geht.
Hinzu kommt,
dass offensichtlich die Mehrzahl der depressiven Menschen falsch behandelt
bleibt. Glaubt man den Fachverbänden, wird nur jede dritte Depression überhaupt
als solche erkannt und noch nicht mal jede zehnte nach dem Stand der
medizinischen Wissenschaft therapiert.
Die
Überdiagnostizierten
Berücksichtigt
man dann noch die schlechten Compliance-Raten, also dass viele Patienten ihre
Medikamente gar nicht einnehmen, erhalten womöglich nur 2,5 Prozent der
Erkrankten die optimale Therapie. So weit, so schlecht.
Dennoch
bleiben Zweifel, ob das Problem damit ausreichend beschrieben ist. Es beginnt
schon mit dem Verdacht, dass es neben den Menschen, die den Gang zum Arzt
vermeiden, auch eine große Zahl an Überdiagnostizierten gibt.
Das wird zum
Beispiel jeder vermuten, der sich den Screening-Tests der Psychiater aussetzt,
etwa auf der Webseite des Kompetenznetzes Depression: Wer dort bei den Fragen
auf "Ja" klickt, ob man seit mehr als zwei Wochen an "gedrückter
Stimmung", "Interesselosigkeit", unter
"negativenZukunftsperspektiven" und "hartnäckigen
Schlafstörungen"leidet, bekommt bereits den Rat: "Sie sollten Ihren
Arzt konsultieren. Ihre Angaben weisen auf eine behandlungsbedürftige
Depression hin."
Und ceterum
censeo: "Übrigens: Depressionen sind in der Regel gut behandelbar."
Diese Diagnose blinkt selbst dann auf, wenn man per Mausklick beteuert, dass
man weder schwunglos sei, noch unter fehlendem Selbstwertgefühl,
Konzentrationsschwierigkeiten, Schuldgefühlen, Appetitlosigkeit oder gar
Todesgedanken leide. Nach solchen Tests fragt man sich, ob wohl jeder Jüngling
mit Liebeskummer professioneller Hilfe bedarf?
Psychiater
verteidigen derartige Screenings mit dem Argument, sie sollten verhindern, dass
ihnen potentielle Patienten durch die Lappen gehen, der Fachmann werde die
wirklich Kranken schon aussortieren. Mag sein, nur verhält es sich ja so, dass
die Mehrheit der Depressiven nur vom Hausarzt behandelt wird, der eben nicht
über die entsprechende Expertise verfügt.
Wenn man nun
aber davon ausgeht, dass viele Menschen als Depressive eingestuft werden, die
sich eigentlich nur eine Zeitlang der Melancholie hingeben, dann sind auch die
Therapieerfolge der Zunft in einem neuen Licht zu sehen. Selbst optimistische
Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 20 Prozent der Depressiven
therapieresistent sind.
Evolutionäre
Gründe des Grübelns
Der
offiziellen Statistik zufolge wären das 800.000 Menschen. Wenn man nun von
einer kleineren Grundgesamtheit der Erkrankten ausginge, dann wäre die
prozentuale Erfolgsquote noch kleiner. Dabei ist noch nicht mal eingerechnet,
dass die Studienlage gerade bei den Antidepressiva sehr umstritten und die
Rückfallrate hoch ist.
Viele
Psychiater und Psychotherapeuten scheuen die Diskussionen um fragwürdige
Studien und Therapieresistenz, und sei es nur, weil sie Hilfesuchende nicht
verwirren wollen. Sie vertun damit die Chance, nach den tieferen Gründen
psychischer Krankheiten zu fragen.
Denn es
mehren sich die Hinweise, dass die Depression eben nicht nur eine moderne
Volkskrankheit wie Übergewicht ist, bedingt durch Leistungsstress und
Überforderung. Sie findet sich nämlich in allen Zeiten und Kulturen, sei es bei
den Ache-Indianern in Paraguay oder den !Kung-Buschleuten in Südafrika.
Das muss
einen evolutionären Grund haben, behaupten Psychiater wie Paul Andrews und
Anderson Thomson von der University of Virginia in einer Studie im Fachblatt
Psychological Review (Bd.116, S.620, 2009). Darin argumentieren sie, dass die
Beständigkeit der Depression daraufhin deute, dass die Krankheit auch gewisse
Selektionsvorteile gebracht haben muss. Sie spekulieren, dass das für die
Krankheit typische, andauernde Grübeln schon in prähistorischen Zeiten bei der
Lösung komplexer sozialer Probleme hilfreich gewesen sein könnte.
Ob man aus
solchen Einsichten dann gleich neue Therapieempfehlungen ableiten kann, wie
Andrews und Thomson glauben, lässt sich diskutieren. Doch Studien wie ihre
zeigen, dass die Depression vermutlich zur Grundausstattung der menschlichen
Psyche gehört und wir uns noch länger mit ihr herumschlagen werden müssen, als
Pharmaindustrie und Therapeutenkongresse es uns glauben machen wollen
quelle artikels: http://www.sueddeutsche.de
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